Mehr als 600.000 Erwerbstätige in Berlin leiden unter schweren Schlafstörungen – 33 Prozent mehr Fehltage durch psychische Krankheiten als im Bund
Berlin, 30. März 2010. Der Krankenstand in Berlin ist 2009 geringfügig auf 3,9 Prozent gestiegen (2008: 3,8 Prozent). „Die Atemwegsinfekte in der kalten Jahreszeit haben den Krankenstand am deutlichsten beeinflusst“, kommentiert DAK-Landeschef Herbert Mrotzeck die Entwicklung. Die Krankmeldungen aufgrund von Erkältungen & Co führten zu 14 Prozent mehr Fehltagen als im Vorjahr. Insgesamt fehlte in Berlin ein DAK-Versicherter durchschnittlich 14,2 Tage in 2009 (2008: 13,8 Tage).
Auffällig: Fehltage aufgrund von psychischen Krankheiten legten 2009 in Berlin im Vergleich zum Vorjahr mit zwölf Prozent überproportional zu. Mehr als jeder achte krankheitsbedingte Fehltag wird durch sie mittlerweile verursacht. Psychische Erkrankungen spielen in Berlin eine deutlich größere Rolle als im Bund: So gab es in der Hauptstadt 33 Prozent mehr Fehltage durch seelische Krankheiten als deutschlandweit. „Mehr Prävention vor psychischen Erkrankungen wird gerade in Metropolen zur Schlüssel-Aufgabe für Gegenwart und Zukunft“, betont Mrotzeck. „Wenn Menschen lernen, chronischen Stress besser zu bewältigen, schützen sie sich am besten vor seelischen Krankheiten“.
Der Krankenstand in Berlin liegt insgesamt deutlich über dem Bundesniveau von 3,4 Prozent. Die DAK-Mitglieder waren häufiger krank als im Bundesdurchschnitt: Je 100 Mitglieder zählte die DAK in 2009 118 Erkrankungsfälle (bundesweit 115). Der einzelne Krankheitsfall war in Berlin mit durchschnittlich zwölf Tagen auch länger als im Bundesdurchschnitt (10,9 Tage). Untersucht wurden die Krankschreibungen von rund 91.000 erwerbstätigen DAK-Mitgliedern in Berlin. Das Berliner Forschungsinstitut IGES hat den DAK-Gesundheitsreport 2010 für Berlin erstellt.
Verbreitung von Schlafstörungen
Beschwerden wie "Schlecht geschlafen" oder "kann nicht einschlafen" sind bei Berufstätigen weit verbreitet. Nach dem DAK-Gesundheitsreport 2010 gab jeder zweite Befragte in Berlin an, davon betroffen zu sein (24 Prozent häufiger, 27 Prozent manchmal). Das heißt aber nicht, dass sich alle Betroffenen deshalb ärztlich behandeln oder krankschreiben lassen.
Schlafprobleme sollten medizinisch untersucht werden, wenn sie länger als einen Monat dauern, dabei dreimal oder häufiger in der Woche auftreten und sich störend auf den Beruf auswirken. Solche hochgradigen Schlafprobleme belasten knapp zehn Prozent der Berufstätigen. „Dies sind in Berlin mehr als 150.000 Erwerbstätige, die sich fast täglich übermüdet durch ihren Arbeitsalltag quälen“, ergänzt Mrotzeck die Ergebnisse.
Schlafstörungen ─ ein unterschätztes Problem?
Gerade bei diesen hochgradigen Schlafproblemen könnte man erwarten, dass die Betroffenen sich in ärztlicher Behandlung befinden. Dieser Annahme widersprechen jedoch die Auswertung der ärztlichen Behandlungsdaten sowie die aktuellen Befragungsergebnisse: Weniger als jeder Fünfte (17 Prozent) mit hochgradigen Schlafproblemen ist nach eigener Auskunft aktuell oder öfters in ärztlicher Behandlung. In Berlin wird nur bei knapp vier von 100 erwerbstätigen DAK-Versicherten im Laufe eines Jahres eine Schlafstörung vom Arzt diagnostiziert (Bund: 3,4 Prozent).
Wie die Analysen der Krankmeldungen zeigen, ist die Erkrankungshäufigkeit aufgrund von Ein- und Durchschlafstörungen in Berlin zwischen 2005 und 2009 um 81 Prozent gestiegen (Bund: 61 Prozent). Viele Fehltage werden trotz dieser Steigerung jedoch nicht verursacht, da die meisten Menschen mit ihren Schlafstörungen weiter arbeiten. Die DAK zählt in Berlin insgesamt nur zwei Fehltage je 100 Versicherte (Bund: 2,4 Fehltage). “Schlafstörungen sind aber keineswegs nur ein harmloses Lifestyle-Problem. Denn Menschen, die übermüdet arbeiten, leisten weniger und verursachen mehr Unfälle“, so der DAK-Landeschef.
Auch die von der DAK befragten Experten aus Wissenschaft und Praxis weisen darauf hin, dass chronisch schlechter Schlaf die Gesundheit gefährdet.
So erhöht er das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen. Auch kann er die Lebenserwartung verkürzen. Nach Ansicht der Experten nimmt die Allgemeinbevölkerung die Gefahr chronischer Schlafstörungen noch zu sehr auf die leichte Schulter.
Viele Betroffene nehmen längerfristig freiverkäufliche Schlafmittel ein. Die Befragung ergab: Mehr als jeder Siebte hat schon einmal ein Schlafmittel eingenommen, weniger als die Hälfte davon auf Verordnung eines Arztes. Auch daraus kann abgeleitet werden, dass Viele den Gang zum Arzt scheuen und sich nicht einer professionellen Diagnostik unterziehen.
Schlafräuber Job und Stress
Im DAK-Gesundheitsreport wurden Erwerbstätige gefragt, welche Ursachen sie für ihre Schlafprobleme sehen. Für 40 Prozent sind Stress und Belastungen Schlafkiller Nummer 1. Dazu gehören auch Konflikte im Job, die sich angesichts der Wirtschaftkrise verstärkt haben, so die Experten. Jeder Vierte grübelt nachts über Ängste und Sorgen. Schichtarbeit und Jobs nach 20 Uhr plagen jeden Fünften bei der Nachtruhe. Als weitere Ursachen für einen gestörten Schlaf nennen die Befragten Schmerzen sowie Lärm. „In unserer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft mit Zeitdruck, Zwang zur Flexibilität und den Anforderungen der Familie kommen viele nachts nicht mehr zur Ruhe“, bilanziert Mrotzeck. Die Daten zeigen darüber hinaus, dass Schichtarbeiter doppelt so häufig am Arbeitsplatz den Drang zum Einschlafen verspüren. Je autonomer die Beschäftigten über ihre Arbeitszeit mitbestimmen können, umso geringer sind sie von Schlafstörungen betroffen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, dass Beschäftigte die Arbeitszeiten selbst mit planen können. „Gesunder Schlaf ist der Schlüssel für Top-Leistungen am Arbeitsplatz“, resümiert Mrotzeck. „Die DAK bietet den Firmen maßgeschneiderte Programme zum Stressmanagement und Entspannungstraining an“.
Behandlung von Schlafstörungen
In der ärztlichen Praxis wird die Notwendigkeit zur Behandlung von schweren Schlafstörungen häufiger übersehen. Damit wird eine exakte Diagnosestellung und gezielte Therapie versäumt.
Bei schweren Fällen von Ein- und Durchschlafstörungen sind neben verhaltensmedizinischen Maßnahmen verschreibungspflichtige Medikamente ein wichtiger Therapiebaustein. Die Experten weisen darauf hin, dass Schlafmittel jedoch häufig zu lange verschrieben werden.
Auch die Analyse der DAK-Verordnungsdaten zeigt: Je älter die Patienten sind, umso länger verschreiben die Ärzte ihnen Schlafmittel und setzen sich über die empfohlene kurze Dauer von vier Wochen hinweg. Eine bessere schlafmedizinische Qualifikation von Haus- und Fachärzten kann Schlafmittelabhängigkeiten vorbeugen. Auch unterstützt die DAK die Forderung von Experten, parallel nichtmedikamentöse Behandlungsstrategien einzuleiten.
Wie gehen Betroffene mit Schlafproblemen um?
Etwa neun von zehn Betroffenen haben bereits etwas gegen ihre Schlafprobleme unternommen. Je hochgradiger die Schlafprobleme und der Leidensdruck sind, umso mehr bemühen sich Betroffene zunächst einmal selbst um eine Behebung des Schlafmangels. Mehr als jeder Zweite achtet auf regelmäßige Zu-Bett-Geh- und Aufwachzeiten. Jeder Dritte macht Entspannungsübungen wie etwa Autogenes Training. Einer von Fünf schränkt seine Zeit im Bett bewusst ein. Rund 15 Prozent verzichten auf Fernsehen direkt vor dem Schlafen.
Derartige Regeln der Schlafhygiene sind wichtige Alternativen zu Medikamenten. Die Experten weisen darauf hin, dass speziell längerfristige verhaltensmedizinische Maßnahmen mehr Akzeptanz bei Ärzten und Betroffenen finden sollten.
Generelle Analyse der Krankheitsdaten in Berlin
Über die Hälfte der Fehltage wird durch drei Krankheitsgruppen bestimmt: Die prominenteste Rolle im Krankheitsgeschehen spielen Krankheiten des Atmungssystems. Auf sie entfallen mehr als ein Fünftel ((21 Prozent) aller Krankheitstage. An zweiter Stelle steht die Gruppe der Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes mit einem Anteil von 20 Prozent am Krankenstand. An dritter Stelle der wichtigsten Krankheitsarten stehen mit 13 Prozent die psychischen Erkrankungen.
Branchenergebnisse
Die Branchen mit den niedrigsten Krankenständen waren 2009 der Handel und Bildung, Kultur und Medien mit 3,5 sowie 2,8 Prozent. Unter dem Durchschnitt lagen auch die Krankenstände bei Organisationen und Verbände mit 3,6 Prozent, Sonstige Dienstleistungen mit 3,8 Prozent.
Die Rechtsberatung u. a. Unternehmensdienstleistungen lagen mit 3,9 Prozent genau im Durchschnitt.
Den höchsten Krankenstand weist erneut die Öffentliche Verwaltung mit 4,9 Prozent auf. An zweiter und dritter Stelle folgen das Gesundheitswesen mit 4,4 Prozent und Verkehr, Lagerei und Kurierdienste mit 4,3 Prozent.
IGES steht für Forschung, Entwicklung und Beratung in den Bereichen Infrastruktur und Gesundheit. Zu den wichtigsten Arbeitsfeldern des Berliner Instituts zählen die Versorgungsforschung und die Gesundheitsberichterstattung. Besonders auf dem Gebiet der Auswertung von Routinedaten der Gesetzlichen Krankenversicherung hat sich das IGES in den vergangenen 28 Jahren einen Namen gemacht. www.iges.de
Erscheinungsdatum:
30.03.2010
Ansprechpartner/in:
Martin Plass
E-Mail:
martin.plass@dak.de
Telefon:
030 9819416-1127; 0172 5405108
(Quelle: DAK-Pressebericht, Stand 16.12.2010)
http://www.presse.dak.de/ps.nsf/sbl/45C0D0A09EF7418EC12576F2005639BB?open
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen